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Im Mahlstrom der Vergangenheit
Tidenwechsel
  1. Lesesplitter

Drohung aus der Vergangenheit

 

‚Vor fünf Jahren hatte Agnete ihren Mann Jan und ihren Sohn verloren. Erich konnte sich noch gut an den Tag erinnern. Ein schöner Sommertag damals. Ungewöhnlich viele Leute standen im Hafen herum. Eine ganze Reihe von Fischern machte ihre Schiffe für die Ausfahrt klar. Scherzworte flogen hin und her. Es schien, als habe das ganze Dorf gute Laune. Auch Jan Moder und sein Sohn waren dabei, am Morgen gerade vom Fang zurückgekommen. Trotzdem wollten sie mit ablaufendem Wasser noch mal raus. Offensichtlich hatten sie gut gefangen und wollten die Gunst der Stunde noch einmal nutzen. Sie verabschiedeten sich gerade von den anderen, als Agnete auftauchte. Sie wirkte seltsam abwesend, irgendwie verstört. Jan lag mit seinem Schiff in der zweiten Reihe. Sie rief ihm zu, er solle nach Hause kommen, die Schafe wären durch den Zaun gegangen; er solle sie einfangen und den Zaun reparieren.

 

Jan lachte: „Ich bin Fischer und kein Jäger. Lass die Kinder aus dem Dorf sie fangen und sperre sie so lange in den Stall, bis ich wiederkomme.“

 

Die Umstehenden aber merkten, dass Agnete immer verzweifelter wurde. Zum Schluss verlangte sie von Jan, zumindest ihr Sohn müsse ihr helfen.

 

Alle wussten, dass Agnetes Argumente vorgeschoben waren. Peinliche Stille breitete sich dort aus, wo vorher Scherze von Schiff zu Schiff geflogen waren. Agnete stieg auf Jans Schiff über. Alle sahen, wie sie erregt auf ihren Mann einsprach und später mit Tränen im Gesicht zurückkam.

 

Dann brach gegen Abend eines jener plötzlichen Sommergewitter los. Die Böen fegten nur so über das Land und peitschten die See. Zwei Stunden tobte das Gewitter. Der Himmel war einmal schwarz, dann wieder schweflig gelb. Durchzuckten Blitze die Dunkelheit, konnte man vom Deich aus sehen, wie die vorher ruhig daliegende See jetzt kochte … Am anderen Morgen versammelte sich das ganze Dorf am Hafen. Mit Hoffen und Bangen wartete man. Wer käme zurück, wen hatte die See geholt.

 

Agnete befand sich nicht unter den Leuten. Am nächsten Tag aber sah man sie im Witwenschwarz, ohne dass sie sich je nach Jan erkundigt hätte. Seitdem ging das Gerücht im Dorf herum, Agnete habe das Zweite Gesicht. Man hielt sich von ihr fern.‘

 

 

Im Mahlstrom der Vergangenheit

 

Leise fragte sie: „Dann waren die Geldgeschäfte, wie Ihr Vater sie führte, kein Segen für die Menschen, oder weshalb sind sie Pastor geworden?“

 

„Nein, das waren sie beileibe nicht. Es hat nur etwas gedauert, bis ich das erkannte.“

 

Es schien, als müsse er sich die folgenden Sätze erst abringen. „Es war in einer Zeit der Missernten. Die Not der Bevölkerung war groß und der Getreidepreis stieg und stieg. Auch in den umliegenden Fürstentümern war es ähnlich schlecht bestellt. Aus diesem Grunde erhielt mein Vater von einem seiner Schuldner Edelsteine anstelle des vereinbarten Kaufpreises. In normalen Zeiten hätte deren Wert den der Schuldsumme überstiegen. Nur, es waren keine normalen Zeiten. Mein Vater konnte sie deshalb nicht zu Geld machen, ohne dass er einen größeren Verlust erlitten hätte. Daher trug er mir zum Exempel diesen Fall an. Er wollte mir daran aufzeigen, wie ein guter Finanzier trotz schlechter Vorgaben ein gutes Resultat erzielt.

 

Über alle Regenten und Prinzregenten der umliegenden Fürstentümer sollte ich in Erfahrung bringen, welche menschlichen Laster oder Schwächen man ihnen zuschrieb.“

 

Nachdenklich nahm er wieder einen Schluck Tee. „Allein schon der Auftrag war mir zuwider. Ich sollte üble Nachreden aufspüren – und tat dies schließlich auch. Aufgrund dieses Auftrags gewann ich dann allmählich den Eindruck, als bestünde alles menschliche Leben vorwiegend aus negativen Charaktereigenschaften.

 

Aus der so erstellten Liste der Lasterhaften suchte mein Vater nun diejenigen heraus, denen man Prunksucht oder außereheliche Verhältnisse vorwarf. Da ich jung und - in aller Bescheidenheit - gut aussehend war, sollte ich jene Damen aufsuchen, die in der Gunst eines der Regierenden standen, und ihnen die Steine zu weit überhöhten Preisen anbieten.

 

Auf meinen Einwand hin, dass diese Damen wohl kaum die Mittel hätten, solche Steine zu kaufen, entgegnete mein Vater, das läge auch gar nicht in seiner Absicht. Trotz meines Unbehagens vor der Begegnung mit solcher Art von Frauen und des unverschämt hohen Preises versuchte ich meinen Auftrag so gut es ging zu erfüllen. Zunächst stellte ich mich vor lauter Aufregung sicherlich nicht sonderlich geschickt an. Doch nach und nach bekam ich Routine und sah, wann der Funke der Begehrlichkeit in den Augen der Damen aufleuchtete. Es schmeichelte mir, wenn sie mich prüfend anblickten. Ich gestehe, Gefallen an dieser Art von Besuchen gefunden zu haben. Steine allerdings hatten wir noch immer nicht verkauft.“

 

Der Sturm rüttelte wieder einmal besonders heftig am Dachstuhl des Pastorenhauses. Der alte Mann, ganz in der Vergangenheit versunken, schien es nicht zu bemerken. Unbeirrt fuhr er fort: „Dann geschah etwas, das zum Wendepunkt in meinem Leben werden sollte. Kurz hintereinander starben zunächst der Kronprinz, dann der Fürst selbst. Neuer Fürst wurde der zweite Sohn, dem man einen leichtsinnigen Lebenswandel zuschrieb. Wie man allgemein wusste, hatte er sich bisher vergeblich darum bemüht, eine Tochter aus gutbürgerlichem Hause als Mätresse zu gewinnen.

 

Zu dieser jungen Frau schickte mich mein Vater. Wie immer präsentierte ich meine Steine, machte Scherze und nannte anschließend den viel zu hohen Preis. Die junge Frau war voller Liebreiz. Sie sah mich offen und frei an, und dennoch sah ich, wie der Funke der Begehrlichkeit in ihren Augen aufblitzte.“ Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht gefiel mir auch die junge Frau. Auf jeden Fall überfiel mich eine Ahnung dessen, was noch passieren könnte. Ich raffte meine Steine zusammen, presste lediglich noch heraus, dass diese Steine ihrer Schönheit nicht gerecht werden könnten, und verließ, geradezu fliehend, das Haus.“

 

Gefasster fuhr er fort: „Das Ende ist schnell erzählt. Mein Vater ging zu dem jungen Fürsten und zeigte ihm die Steine. Er schilderte das Interesse der jungen Frau in den buntesten Farben. Schließlich bot er ihm an, mithilfe der Steine die Gunst der Schönen zu gewinnen. Nur wenn ihm dies gelänge, solle er den Gegenwert der Steine durch Lieferungen aus den nächsten zwei Getreideernten bezahlen. Ansonsten bräuchte er nur die Steine zurückzugeben.

 

Nur schwach wandte der Fürst ein, dass Getreide knapp sei und das Volk ohnehin schon Not leide. Doch dann unterzeichnete er den Vertrag.

 

Manches Mal war ich nahe daran, die junge Frau vor dem Komplott zu warnen, und doch ließ ich der Sache ihren Lauf. Ich redete mir ein, jeder sei für sein Glück oder Unglück selbst verantwortlich. Die Steine jedenfalls wurden nie zurückgegeben, und mein Vater erhielt von der nächsten Ernte den vereinbarten Anteil. Diesen verkaufte er zum höchsten erzielbaren Preis ins Ausland.

 

Er war stolz auf seinen geschickten Schachzug. Wenn im nächsten Jahr die nächste Lieferung fällig würde, hätte er ein glänzendes Geschäft gemacht.

 

Doch es kam anders. Im Land nahm die Hungersnot weiter zu und die Schwachen starben. Ich sah ihre elenden Gestalten und musste mit dem Gedanken leben, dass wir unseren Teil dazu beigetragen hatten. Schließlich aber kam es zu Unruhen in der Bevölkerung. Zunächst ließ der Fürst diese mit Gewalt niederschlagen, bekam dann aber offensichtlich Bedenken. Jedenfalls erhielt mein Vater anstelle der nächsten Getreidelieferung lediglich einen Schuldschein. Dieses Stück Papier soll sich dem Vernehmen nach noch immer im Familienbesitz befinden.“

 

 

 

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