Talke stockte der Atem. Sie stand im Schatten ihres Hauses, dicht an die Hauswand gepresst, und hörte auf dem Pflaster die harten Stiefel der Soldaten. Sie wusste, jetzt war es zu spät, etwas zu unternehmen. Die Soldaten gingen geradewegs auf den alten Speicher zu, in dem kaum noch Waren lagerten. Ein Speicher, dem es so wie vielen alten Häusern erging, die irgendwann in Vergessenheit gerieten, obwohl man Tag für Tag an ihnen vorüberging.

 

Dabei hätte sie es sich denken können, als es an der Hintertür geklopft hatte, kaum dass die Dunkelheit gewichen war. Zaghaft, Talke hatte es kaum vernommen und sich zunächst gescheut, die Tür zu entriegeln. Als das Klopfen dann immer drängender geworden war und sie schließlich öffnete, schlüpfte Hinrich, ihr Bruder, hindurch. Atemlos fragte er nach Röbe und wartete unruhig, als sie die Treppe zur Schlafkammer hochstieg. Noch im Hinaufgehen sah sie, wie er an das Wohnzimmerfenster trat und angestrengt auf die Straße spähte.

 

Nur widerwillig ließ sich Röbe überzeugen, mit Hinrich zu sprechen. Als er dann aber selbst in Hinrichs Gesicht blickte, verflüchtigte sich die Schlaftrunkenheit umgehend, beide zogen sich sofort in das Kontor zurück. Durch die geschlossene Tür verstand Talke kaum ein Wort. Nur am Tonfall erkannte sie, dass immer eindringlicher gesprochen wurde.

 

Als sie wieder erschienen, wirkte auch Röbe unruhig und verstört. Das kannte sie von ihm überhaupt nicht. Nie hatte sie erlebt, dass er die Fassung verloren hätte. Seine Entscheidungen erfolgten in der Regel schnell und ohne Zögern. Deshalb verwirrte sie seine Nervosität umso mehr. Fahrig zog er die Kleidung über, in der er sonst immer die Laderäume der Schiffe inspizierte.

 

Ja, in diesem Moment hätte sie noch helfen können.

 

Beide verließen die Küche durch die Hintertür. Im Hinausgehen sagte Hinrich: „Warte nicht auf mich und sag das auch Mutter und Jantje.“ In diesem Moment blickten seine Augen noch ernster drein, als sie es ohnehin taten.

 

Fragend schaute sie auf Röbe, der schon in der Haustür stand. Er sah sie zärtlich an und meinte dann nur: „Es ist besser, wenn du nichts weißt.“ Sie kannte ihn zu gut. Er fühlte sich unwohl und war sich seiner Entscheidung ganz offensichtlich nicht sicher.

 

Zwar konnte sie sich keinen Reim auf das Verhalten der beiden machen, maß dem Ganzen zunächst aber keine besondere Bedeutung bei. Erst als sie entdeckte, dass der Schlüssel zum alten Speicher fehlte und nun Soldaten im Ort erschienen, begann sie sich ernstlich Gedanken zu machen. Haus für Haus wurde durchsucht. Bis jetzt waren sie noch nicht zu ihr gekommen. Gegen Mittag dann schlüpfte die alte Agnete durch die Hintertür hinein. Ernst schaute sie Talke an: „Der Herzog von Braunschweig hat seine Truppen gestern in Elsfleth nach England eingeschifft.“ Sie sprach weiter, was für sie ungewöhnlich war: „Seine Schiffe wurden beim Auslaufen beschossen. Zwei sollen havariert und eins dabei auf Grund gelaufen sein. Die Soldaten und auch die Schiffsbesatzung konnten sich wohl auf die anderen Schiffe retten. Nur der Schiffsführer ist geblieben, der wollte sein Schiff unbedingt wieder freibekommen; dafür sind jetzt die Soldaten hinter ihm her.“

 

Talke fühlte, wie die Angst in ihr hochkroch. Schließlich fragte Agnete noch. „Hinrich ist doch hoffentlich schon weg?“

 

Talke erschrak! Woher wusste Agnete von der Anwesenheit ihres Bruders? „Woher … Agnete, woher weißt du das?“ Sie ahnte die Antwort, fragte aber weiter: „Wissen es auch die Franzosen?“

 

Sacht schüttelte Agnete den Kopf und schaute nach unten. „Die wissen nur, wie der Schiffsführer aussieht. Aber das Schiff, die ‚Weserstolz‘, das haben sie.“ Talke durchlief es heiß. Die „Weserstolz“, das war ihr Schiff. Einer der Kähne, mit dem die Fracht auf der Weser transportiert wurde.

 

Langsam stand Agnete auf und ging zur Tür. Dort hielt sie noch einmal inne. Ohne den Kopf zu wenden, sagte sie. „Wenn du denkst, es geht nicht mehr weiter, wenn du keine Hoffnung mehr hast, dann komm zu mir. Du weißt ja, manchmal …“, sie zögerte, „manchmal kann ich ja helfen.“ Mit diesen Worten öffnete sie die Tür und ging hinaus.

 

 

Jetzt war Talke klar, weshalb Hinrich gesucht wurde. Ein Schaudern überlief sie. Entdeckte man Hinrich, war auch Röbe in Gefahr. Vor allem, wenn beide zusammen aufgegriffen würden. Aber zurückkommen konnte er jetzt auch nicht mehr, denn dann hätte er die Soldaten erst recht auf den Speicher aufmerksam gemacht.

 

 

Fieberhaft überlegte sie, was zu tun wäre. Der andere Weserkahn fiel ihr ein. Eigentlich sollte er kalfatert werden, trotzdem könnte sie ihn zum Speicher verlegen lassen. Dann dürfte es kein Problem sein, Hinrich, in irgendwelcher Ladung versteckt, in den Laderaum zu bringen und wären sie erst auf der Weser und dem Watt, wüssten sie sich schon selbst zu helfen … Hätte sie das doch bloß schon heute Morgen in Angriff genommen.

 

 

Sie beruhigte sich. Die Männer würden schon wissen, was zu tun war. Vielleicht hielten sie sich gar nicht mehr im Speicher auf, weil sie längst selbst eine Fluchtmöglichkeit entdeckt hatten.

 

 

Nein, unmöglich, der Speicher steht doch am äußersten Ende des Hafens, am Ende des Deiches. Wohin sollte man von dort aus schon fliehen?, schoss es ihr dann wieder durch den Kopf.

 

 

Die folgenden Stunden wurden die längsten ihres bisherigen Lebens. Ständig beobachteten einige Soldaten den Hafen und die Straße. Immer wieder fragte sie sich: Soll ich doch noch das Schiff verlegen lassen? Jedes Mal aber kam sie zu dem Ergebnis, dass sie damit erst recht die Aufmerksamkeit auf das Versteck lenken würde. Zuletzt hoffte sie nur noch, der kleine Speicher würde von den Soldaten übersehen werden.

 

 

Gerade jetzt stand der Trupp vor Heikens Haus. Offensichtlich berieten sich die Soldaten, und als sie auch dieses Haus betraten, empfand sie sogar eine gewisse Befriedigung darüber, war aber etwas enttäuscht, als sie nach kurzer Zeit schon wieder auf der Straße erschienen. Ein bisschen schämte sie sich, schließlich hat ihr Vater immer zu Dirk Heiken gestanden.

 

Seltsamerweise kamen die Soldaten nicht zu ihrem Haus. Sie suchten noch ein wenig in den umliegenden Gärten, sammelten sich dann und marschierten in Richtung des Hafens.

 

 

Talke zog sich in den Schatten ihres Hauses zurück. Die Soldaten gingen aber vorüber, ohne ihrem Haus Beachtung zu schenken. Die Schritte hallten auf dem Pflaster im Vorübergehen. Geradewegs schritten sie auf die Speicher am Hafen zu.

 

 

Talke spürte, wie alle Kraft sie verließ und lehnte sich gegen die Hausmauer. Jetzt war klar, dass sie sich falsch entschieden hatte. Hilflos musste sie mit ansehen, wie die Soldaten vor dem kleinen Speicher haltmachten und einige hineingingen. Der Rest ließ sich nieder oder umstellte das Gebäude. Talke mochte nicht mehr hinschauen, wollte ins Haus gehen, aber die Beine verweigerten ihr den Dienst. Ein innerer Zwang ließ sie starr weiter auf das Versteck blicken. Ihr schien, als stünde sie so schon eine Ewigkeit. Jeden Moment erwartete sie Geräusche oder Geschrei zu vernehmen, doch nichts tat sich. Die Soldaten vor dem Speicher begannen unruhig zu werden. Diejenigen, die aus dem Gebäude herauskamen, wurden von ihnen neugierig befragt.

 

 

Langsam schöpfte sie Hoffnung. Sollte es den beiden gelungen sein, sich so gut zu verstecken? Oder, noch besser, waren sie vielleicht schon gar nicht mehr dort?

 

 

Nun aber betraten andere den Speicher. Talke spürte, wie sie zitterte, aber die lähmende Angst war etwas gewichen. Fieberhaft überlegte sie wieder, was zu tun sei. Könnte sie etwa die Aufmerksamkeit der Soldaten vom Speicher weg lenken? Warum nur durchsuchten sie gerade dieses alte Gebäude derartig hartnäckig? Die anderen Häuser waren doch viel größer. Wieder erschienen Soldaten in der Speichertür. Talkes Herz machte einen Freudensprung, als sich anschließend alle vor dem Speicher versammelten. Sie haben nichts gefunden!

 

 

Gut, dass sie nichts unternommen hatte. Den Plan der Männer hätte sie damit nur gefährdet. Wirklich dumm von ihr, an deren Umsicht gezweifelt zu haben. Mit spöttischem Interesse sah sie zu, wie die Soldaten lautstark lamentierten. Einige wiesen mit der Hand zur Straße und zu den Wohnhäusern herüber. Endgültig fiel die Anspannung ab, als sie beobachtete, wie ein Teil von ihnen in eines der anderen Häuser ging. Gerade wollte sie sich abwenden und zurück ins Haus gehen, als eben diese Soldaten dann doch wieder erschienen und zu ihren wartenden Kameraden zurückgingen.

 

 

Ihr stockte das Herz! Der Speicher wurde mit Flüssigkeit begossen, und kurz darauf sah sie Flammen an dem Gebäude züngeln.

 

Petroleum! Im Nu schossen die Flammen hoch auf. Es dauerte dann nicht lange, bis torkelnd und hustend zwei Gestalten aus dem Qualm auftauchten.

 

Nein!, schrie es in ihr. Kein Laut war über ihre Lippen gedrungen, dennoch hatte sie das Gefühl, alle hätten es hören müssen. Die Soldaten ergriffen die Männer und trieben sie mit Gewehrkolbenstößen in ihre Mitte. Talke wollte zum Hafen hinunterlaufen, den Soldaten zurufen Lasst sie laufen! Sie haben doch nichts Unrechtes getan!, nach dem Befehlshaber verlangen – und stand doch nur wie versteinert da.

 

 

Erst als der Trupp mit den Gefangenen kurz vor ihrem Haus war, lief sie auf die Straße und schrie den Soldaten zu: „Lasst die Männer frei!“

 

Der ihr am nächsten Stehende ergriff sie daraufhin selbst und zerrte sie in die Mitte. Erst auf einen Befehl des Offiziers hin stieß er sie wieder an den Straßenrand zurück.

 

 

„Geh nach Hause, Talke! Versuche eine Verhandlung zu erreichen!“, rief ihr Röbe noch zu, bevor ihn ein Stoß mit dem Gewehrkolben zurücktaumeln ließ.

 

 

Der Offizier sprach sie auf Deutsch an: „Hören Sie auf ihn, Madame, und gehen Sie nach Hause.“

 

Hinrich schwieg. Gesenkten Hauptes stand er da. Erst als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, hob er den Kopf und schickte Talke einen Blick zu, in dem er sie stumm um Verzeihung bat.

 

 

 

Containerschiff BREMEN EXPRESS

 

Außenweser

 

Hannes Helmers strich sich über die Augen. Sollte das nie aufhören? Immer wieder diese Bilder! Würden sie denn nie verschwinden? Bis zu diesem Moment hatte er gehofft, endlich Ruhe vor ihnen zu haben.

 

 

 Er nannte sie Bilder. Obwohl es inzwischen so war, als würde er alles selbst erleben. In seiner Kindheit hingegen, war alles noch unscharf gewesen. Mehr ein Erahnen als ein Erleben. Anfangs hatte er es sogar interessant gefunden und manchmal davon erzählt. Bis ihn die Leute einen Träumer nannten oder als Spinner verlachten. Später, als die Eindrücke stärker wurden, da hatte ihm das schon ein wenig Angst gemacht, aber gleichzeitig zog es ihn hin zu dieser längst vergangenen Zeit.

 

Das Knarren der Planken auf den alten Segelschiffen. Die kleinen geduckten Häuser in der Marsch, die Kleidung der Menschen, die sich in einem bunten Treiben durch die engen Gassen der Städte drängten. Diese fremden Eindrücke faszinierten, aber mehr noch bannte ihn, dass immer wieder sein eigenes Elternhaus auftauchte. Sicher, über die Jahrhunderte durch all die Um- und Anbauten verändert, aber unverwechselbar sein Elternhaus.

 

 

Auf seinen Fahrten wurden die Bilder schwächer und manchmal verschwanden sie. Sobald er aber wieder zu Hause war, tauchten sie erneut auf. Waren es anfangs eher Versatzstücke, wurden später daraus komplexe Ereignisse. Mit ihnen tauchte dann immer häufiger diese junge Frau auf, diese Talke. Schon die ersten Bilder weckten sein Interesse. Ihre hohe, schlanke Gestalt ließ selbst die einfache Kleidung an ihr als etwas Besonderes erscheinen. Die offene und freundliche Art, mit der sie den Menschen entgegentrat, ihre unkomplizierten Umgangsformen, all das verhieß einen angenehmen Kontakt. Eine Einschätzung, die sich rasch änderte, sobald sie verärgert war. Dann spürte man förmlich ihre Ablehnung oder Missbilligung. Kleine Blitze schienen ihre jeweiligen Kontrahenten zu treffen und das Grübchen an ihrem Kinn trat überdeutlich hervor. Noch immer verspürte Hannes den Schock, als er dieses Grübchen zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hatte. Zu sehr glich es seinem eigenen und dem seines Vaters. Hannes aber bemerkte noch etwas an ihr. Immer wieder sah er das kurze Aufblitzen von Traurigkeit in ihren Augen, einer unendlichen Traurigkeit. Über die Zeiten hinweg schien dieser Ausdruck ihm selbst zu gelten. Was wollte diese Frau? Der Blick, war er Flehen oder Warnung? Und wie sollte er helfen, oder vor was sollte er gewarnt werden?

 

 

Nachdenklich tastete seine Hand zum eigenen Kinngrübchen. Er schüttelte den Kopf, als könne er all diese Eindrücke damit verscheuchen. In Bremerhaven würde er von Bord gehen, vermutlich zum letzten Mal. Hilke, seine Frau, hatte ihn in Rotterdam angerufen – sein Vater war gestorben und deshalb machte er sich wieder Gedanken über eine dauerhafte Heimkehr. Doch damit stieg gleichzeitig seine Angst. Angst, wieder so ein Fiasko zu erleben wie vor zwanzig Jahren? Andererseits, irgendwann musste er sich dieser Frage stellen, schließlich konnte er ja nicht für den Rest seines Lebens zur See fahren. Er gab sich einen Ruck und ging noch einmal die Schränke seiner Kammer durch. Hatte er wirklich alles eingepackt? Dann setzte er sich wieder in die Sitzecke und nahm eine Zeitschrift in die Hand. Er schaute kurz hinein, legte sie aber gleich wieder zur Seite.

 

 

Auf eine Art zog es ihn nach Hause, er konnte die Ankunft kaum erwarten - vielleicht war es die unsinnige Hoffnung, dass die Todesnachricht ein Versehen sei, die rationale Seite seines Verstandes nannte es sogleich Unfug – gleichzeitig hatte er Angst vor dem, was ihn dort erwartete. Er musste sich ablenken. Mit einem entschlossenen Ruck stand er auf und ging die vertrauten Gänge zur Kommandobrücke. Als er dort die Tür öffnete wurde es nicht einmal bemerkt. Es herrschte dort genau die konzentrierte Routine, die er von seinen Besatzungen erwartete, insbesondere auf diesen engen und stark befahrenen Schifffahrtswegen.

 

 

Uwe Schneider, sein 1. Offizier, hatte das Kommando. Abwechseln beobachtet er das Fahrwasser und den Radarschirm. Hannes wollte nicht stören. Er würde erst beim Anlegemanöver wieder übernehmen, also setzte er sich in die hintere Sitzecke und blickte steuerbords aus dem Fenster. Dorthin, wo er die Butjadinger Küste und sein Elternhaus wusste. Immer klarer wurde ihm, dass jetzt der Moment gekommen war, vor dem er sich immer gedrückt hatte. Er würde endgültig an Land bleiben. Nur würde es ihm dieses Mal gelingen? Würde er den uralten Brief ignorieren können. Den Brief mit dem vor dreißig Jahren das Drama begann?

 

 

In Gedanken schüttelte er den Kopf. Diesmal musste es gelingen. Nur damals hatte sich auch Hilke gewünscht, dass er an Land blieb. Und jetzt ...? Er strich sich fahrig über die Stirn. Will sie es immer noch? Schließlich hingen die Ereignisse immer noch wie ein Damoklesschwert über ihnen.

 

 

Eigentlich hatte es sich ganz gut angelassen. Vater hatte ihm den Kutter übergeben. Die Fänge waren gut. Hilke hatte in Harms altem Zimmer ein Architektenbüro eröffnet und bekam immer mehr Aufträge. Die Kinder erlebten im alten Haus eine Kindheit wie kaum eine der Generationen vor ihnen. Die kleinen Abenteuer in Garten, Hafen und Watt, die Geborgenheit, all das war genauso wie bei ihren Eltern und Großeltern. Sie erlebten also die Vorteile einer solchen Kindheit wie all die Generationen vor ihnen, litten jedoch nicht unter deren materiellen Not und Arbeitspflichten.

 

 

Ihr Leben ging also einen guten Gang, bis zu dem Punkt, an dem er diesen alten Brief fand. Gerichtet war er an eine gewisse Talke. Hannes war sich sofort sicher, dass es um die gleiche Person handelte, die ständig in seinen Bildern auftauchte.

 

 

Nach dem er dieses Briefes gefunden hatte, änderte sich sein Leben drastisch. Als erstes begann er seinen Vater zu befragen. Schließlich hatte er immer die alten Familiengeschichten erzählt und dabei immer auf diese Lücke im Stammbaum hingewiesen. Immer stärker setzte sich bei Hannes die Überzeugung durch, mit der Vervollständigung des Stammbaumes, würden sich auch seine Probleme lösen. Alles wollte er von seinem Vater wissen und immer wieder löcherte er ihn mit denselben Fragen, bis er schließlich selbst einsah, dass sein Vater ihm wirklich nicht mehr weiterhelfen konnte.

 

 

Durch Beziehungen gelang es ihm, Einsicht in die alten Kirchenbücher zu erhalten, musste dabei aber feststellen, dass ihn das keinen Schritt weiterbrachte, weil er kaum einen der Einträge entziffern konnte. Damals war er nahe daran gewesen zu verzweifeln, aber er gab nicht auf. Mühsam arbeitete er sich in die alten Schreibschriften ein, trat allen möglichen genealogischen Arbeitskreisen bei, wo er dann Gleichgesinnte und Helfer fand. Bis in die Nacht hinein wurde im kleinen Hinterzimmer der ‚Linde‘ diskutiert und gearbeitet. Meistens saßen dann irgendwann nur noch er und Grant Dreesen beisammen. Hin und wieder musste der Wirt sie förmlich hinauswerfen. Immer häufiger versäumte er seine Fangfahrten. Anfangs übernahm sein Vater sie ohne zu klagen und Hannes hatte ein schlechtes Gewissen. Es war ihm ja bewusst, dass er falsch handelte, aber er tat es trotzdem. Immer tiefer verstrickte er sich in seine Recherchen. Immer mehr bestimmte die Arbeitsgruppe seinen Tagesablauf. Noch heute sah er die missbilligenden Blicke seines Vaters, wenn er zum wiederholten Male seine Pflichten versäumt hatte.

 

 

Unerträglich wurde die Situation aber erst, als die Bilder sich veränderten. Was vorher eher ein Erleben längst vergangener Zeiten war, wuchs sich jetzt zu regelrechten Albträumen aus. Dabei war er sich noch nicht einmal sicher ob Albtraum der richtige Begriff war. Er wachte immer häufiger mitten in der Nacht, aus immer der gleichen Situation auf. Zunächst lief er voller Panik über eine verschneite Fläche, wusste dabei aber nicht, was ihn in diesen Schockzustand versetzt hatte. Trotzdem war ihm bewusst, dass er um sein Leben lief. Tiefer und tiefer sanken seine Schritte in den Schnee. Verzweifelt versuchte er seinen Laufschritt beizubehalten. Mehrmals versank er total, lag dann vollkommen erschöpft im Schnee und wollte das Unvermeidliche über sich ergehen lassen. Dann raffte er sich doch wieder auf und taumelte voller Entsetzen solange weiter, bis er gedämpften Pferdegalopp hörte. Leise zu Anfang, doch unaufhaltsam näher und immer näherkommend. Jeden Moment musste er ihn erreichen. Voller Verzweiflung stolperte Hannes in die nächste Schneewehe und sank dort, sich in sein Schicksal fügend, zusammen. Als Nächstes nahm er nur noch ein verzerrtes Gesicht war, dass sich über ihn beugte. Als nächstes erwachte er von seinem eigenen gellenden Verzweiflungsschrei. Mühsam um Orientierung ringend lag er dann stocksteif in der Dunkelheit seines Schlafzimmers. Hilke rückte dann an ihn heran und streichelte in wortlos.

 

 

Eines Nachmittags, er wollte gerade wieder zu einem dieser Treffen fahren, hielt sie ihn fest. „Wir müssen reden!“, sagte sie in so bestimmten Tonfall, dass Hannes erstaunt aufsah. Wortlos ging sie an ihm vorbei ins Wohnzimmer, dort setzte sie sich in einen Sessel. Offenbar wartete sie darauf, dass er ihr folgte. Verunsichert setzte er sich ihr gegenüber. Einen Moment schauten sie ihn schweigend an und stellte dann lakonisch fest: „Du fährst heute nicht dorthin!“ Nachdrücklicher aber leiser fügte sie hinzu: „…  und auch in Zukunft nicht mehr. Nie mehr!“

 

 

Hannes antwortete nicht. Eigentlich war ihm schon lange klar, dass es so nicht weitergehen konnte! Nur was sollte er tun? Irgendetwas zwang ihn, weiter und weiter in der Vergangenheit zu bohren.

 

 

Hilke sah ihn abwesend an, so als müsse sie sich erst selbst überzeugen. „Als wir heirateten, wusste ich sehr wohl, dass ein Teil von dir immer in der Vergangenheit leben würde.“ Sie schwieg einen Moment, als müsse sie nach den rechten Worten suchen. „Mir war es egal, ob diese Bilder eine wirkliche Verbindung zur Vergangenheit waren, ob sie deinem Wunschdenken entsprangen oder nur das Ergebnis einer überreichen Fantasie waren. Sie waren einfach ein Teil von dir.“

 

 

Nachdenklich fügte sie hinzu: „… und ich selbst fand es auch irgendwie interessant aber vor allem wusste ich, dass es dir wichtig ist.“ Eindringlich sah sie ihn an. „Doch jetzt ist ein Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr mitmache. Die Kinder haben Angst. Fast täglich fragen sie mich, was mir dir los ist, ob du vielleicht krank bist. Manchmal glaube ich sogar, haben sie Angst vor dir. Dein Vater macht sich große Sorgen und von mir will ich gar nicht erst reden.“

 

 

Sie blickte nach unten auf den Boden. Ihre Stimme wurde so leise, dass er sie kaum noch verstand: „Weißt du überhaupt noch, dass du eine Familie, dass du Kinder und eine Ehefrau hast?“

 

 

Einen Moment herrschte absolute Stille. Hilke musterte ihn nachdrücklich. Hannes wich ihrem Blick aus. Die Stille wurde unerträglich. Sie saßen sich gegenüber und schauten dennoch aneinander vorbei. Unvermittelt blickte sie ihm in die Augen. Ihre Stimme klang jetzt wieder bestimmt. „Ich verlange, dass all das aufhört! Alles und zwar sofort! Sonst …“, sie stockte, „sonst werde ich dich mit den Kindern verlassen.“

 

 

Er hatte das Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füssen fortgezogen. Ratlos sah er Hilke an und fast mechanisch nickte er zustimmend. Hilke rutschte zu ihm hin und nahm ihn in den Arm. Hannes blickte regungslos auf die gegenüberliegende Wand. Sie strich ihm über die Wangen. „Auch, wenn es die Vergangenheit deiner Familie ist, kann sie doch nie so wichtig sein, dass sie uns die Zukunft und die unserer Kinder raubt.“

 

 

Hannes wusste, dass sie Recht hatte. Er brach die Nachforschungen ab, ging wieder fischen und übernahm seine Pflichten. Wenn die Wetterlage stabil war, nahm er hin und wieder sogar schon seinen Sohn mit. Die Albträume verschwanden nach und nach und an ihre Stelle traten jetzt wieder die vertrauten Bilder. Er begrüßte sie fast, wie lang vermisste Bekannte. Alles schien gut zu werden. Doch nach und nach tauchte in einer der hinteren Ecken seines Gehirns die Versuchung wieder auf. Wieso die Nachforschungen ganz beenden? Andere Männer hatten doch auch ihr Hobbys. Was spricht dagegen, einen kleinen Teil der Freizeit dafür zu verwenden?

 

 

Unglücklicherweise rief Grant Dreesen in genau einem dieser Momente an. Grant war nicht nur derjenige, mit dem er am meisten zusammengearbeitet hatte, von ihm hatte er auch die größte Unterstützung erfahren. „Ich glaube, ich habe etwas Interessantes für dich. Komm doch am Mittwoch mal wieder zum Treffen.“

 

Den ganzen Abend über hatten sie im Hinterzimmer der ‚Linde‘ Dokumente durchgearbeitet und dennoch hatten sich Hannes Erwartungen nicht erfüllt. Irgendwelche Nebenzweige des Stammbaus konnte er jetzt problemlos ergänzen, das gesuchte Glied war jedoch nicht dabei. Inzwischen hätten Grant und er die Stammbäume vieler Familien im Ort erstellen können, nur in seiner Sache, da waren sie keinen Schritt weitergekommen.

 

 

Er strich sich über den Kopf. Er war enttäuscht und er spürte wie ihm übel wurde. Er wollte nur noch nach Hause, doch das mochte er Grant nicht spüren lassen, schließlich hatte der eine erhebliche Vorarbeit geleistet. Als sich dann auch noch Kopfschmerzen einstellten und Hannes befürchtete sich übergeben zu müssen, drängte er mit aller Macht zum Aufbruch. Er spürte sehr wohl, wie Grant ihm zweifelnd hinterher blickte und riss sich deshalb mit aller Macht zusammen. Er versuchte die Situation so normal wie möglich erscheinen zu lassen. Doch schon als er hinter dem Lenkrad seines Autos saß, wusste er, dass es falsch war, was er tat. Er hätte ein Taxi rufen sollen, aber wie hätte er Hilke das erklären sollen. Stattdessen öffnete er alle Autofenster. Atmete dann einige Minuten lang tief ein, war dabei jedoch in ständiger Angst, dass Grant gerade jetzt auf dem Parkplatz erschien und er dort immer noch stand. Nach einigen Minuten fühlte er sich etwas besser. Was war das gewesen? Er hatte doch nur ein Bier getrunken. Wieso war ihm so übel? Noch einmal atmete Hannes tief ein, dann startete er den Motor.

 

 

Das Nächste, an das er sich erinnerte, war ein grelles Licht, das ihn blendete. Er versuchte seine Augen mit der Hand abzudecken, doch irgendwie war seine Hand eingeklemmt. Langsam drangen Stimmen zu ihm durch. „Wie heißen Sie! Können Sie mir Ihren Namen nennen? Wieder versuchte Hannes die Hand zu heben. Zu einem Erschrecken stellte er fest, dass er bis zur Brust im Wasser saß. Nach und nach wurde ihm klar, dass er immer noch in seinem Auto saß. Aber wieso war hier überall Wasser? Was machte das Wasser in seinem Auto?

 

 

Mühsam krächzte er seinen Namen. Erst jetzt sah er vor der Frontscheibe ein Gesicht auftauchen, das irgendwie auf dem Kopf stand. „Er ist bei Bewusstsein!“, sagte die gleiche Stimme wie vorhin. Das Gesicht vor der Frontscheibe verschwand. Hannes zitterte am ganzen Leib.

 

 

 „Zieht mal langsam an!“, wieder die gleiche Stimme. Kurz darauf hörte Hannes Dieselmotoren anlaufen und unmittelbar darauf bemerkte er, wie sich das Auto bewegte. Ihm war übel und er fror. Das Auto bewegte sich weiter. Langsam sank der Wasserspiegel im Innenraum. Eine Zeitlang geschah nichts, dann bemerkte er, wie jemand mit schwerem Werkzeug an der Autotür arbeitete. Hannes war nahe daran wieder das Bewusstsein zu verlieren. Nur durch einen Nebel spürte er, dass man ihn herauszog und in Decken hüllte. Lichtkegel huschten hin und her. Hände durchsuchten seine Jackentaschen. Irgendwann hörte er jemanden sagen: „Hannes Helmers aus Butjadingen.“ Eine andere Stimme fragte erstaunt zurück: „Hannes?“, dann glitt er wieder in die Ohnmacht zurück.

 

 

Als er erwachte, lag er in einem fremden Bett. Hilke saß neben ihm und las in einem Buch. Er wusste nicht, wie er in dieses fremde Bett, dieses fremde Zimmer kam? Er konnte sich an gar nichts mehr erinnern, allerdings spürte er ein dumpfes Schuldgefühl.

 

Als Hilke bemerkte, dass Hannes wach war, legte sie das Buch zur Seite und fühlte seine Stirn. „Hast du Schmerzen?“ Hannes schüttelte leicht den Kopf. Gleich darauf wurde ihm wieder schwindelig und er fühlte sich wie durchgeprügelt. „Was mach ich hier in diesem Bett?“

 

 

Hilke sah ihn erstaunt an. „Du weißt nicht, was passiert ist?“ Hannes schüttelte den Kopf. „Du hast riesiges Glück gehabt. Zufällig hat Hermann Bruns draußen gestanden und gesehen wie es passierte.“ Verwirrt fragte Hannes: „Hermann Bruns?“ Er versuchte sich zu orientieren. Auf diesem geraden Straßenstück.

 

 

„Da ist doch gar keine Kurve!“ Hilke konnte ihn kaum verstehen, so verwaschen war seine Stimme. Sie nickte ernst. „Er hat dich kommen sehen und hat sich gewundert. Erst bist du mitten auf der Straße gefahren, dann nach links und schließlich immer weiter nach rechts. Geradewegs zwischen zwei Straßenbäumen hindurch in das Sieltief.“

 

Hannes konnte sich an nichts von dem erinnern. Nicht einmal von wo er herkam, wollte ihm einfallen. Nur dieses dumpfe Schuldgefühl das blieb.

 

„Du hast riesiges Glück gehabt, denn das Auto drohte ganz im Sieltief zu versinken. Zwei Trecker mussten sie holen, um dich sicher herauszuziehen.“

 

 

Hannes konnte mit Hilkes Erklärungen wenig anfangen. Ein Anfall von Schüttelfrost durchfuhr ihn und er glitt wieder in einen Dämmerzustand. In den nächsten Tagen lag er fiebernd zu Hause. Der alte Dr. Hecht war noch am selben Abend zu Bruns gekommen und hatte ihm eine Spritze gegeben. Zunächst wollte er ihn in ein Krankenhaus überweisen, doch Hannes hatte sich strikt geweigert.

 

 

So nach und nach fiel ihm dann auch wieder der Abend mit Grant ein. Glücklicherweise brachte Hilke das Thema aber nicht mehr zur Sprache. Vielleicht deshalb, weil Dr. Hecht von einer Amnesie gesprochen hatte oder weil Hilke unbewusst vor den daraus folgenden Konsequenzen zurückschreckte. Sie machte aber auch keine weiteren Einwendungen mehr, als Hannes ihr später vorschlug wieder auf große Fahrt zu gehen.

 

Jetzt würde sich der Kreis schließen. In einigen Stunden würde er in Bremerhaven von Bord gehen und es würde seine letzte Chance sein, Vergangenheit und Gegenwart in Einklang zu bringen.

 

 

Er blickte hinaus, über die Container hinweg in das diesige Grau. Dorthin, wo Bremerhaven liegen musste und Hilke vielleicht schon auf ihn wartete. Mitten in diese Gedanken hinein drang überdeutlich die Stimme der Radarberatung aus dem UKW-Funkgerät durch den Raum: „Drei Seemeilen voraus kreuzt ein Sportboot das Fahrwasser. Geben Sie mal lieber ein Signal.“ Diese Stimme! Der typische Tonfall, wie man ihn hier an der Wesermündung sprach. Der Tod seines Vaters … Plötzlich drangen die Erinnerungen auf ihn ein. Erinnerung an die Kindheit, die Jugend und des Abschieds. Er musste die Augen schließen, so intensiv überkamen ihn die Gefühle. Müde strich er sich über die Augen. Es machte keinen Sinn, hier weiter herumzusitzen. Er würde doch wieder in seine Kabine gehen, bevor die anderen auf der Brücke doch noch den Eindruck bekämen, mit dem „Alten“ stimme etwas nicht. Seinem Ersten rief er zu: „Lass mich rufen, wenn die Schlepper kommen!“

 

 

Bevor er ging, warf er noch einmal einen Blick auf den Radarschirm. Er sah, wie sich der Punkt des kleinen Segelschiffes langsam an den Rand des Fahrwassers bewegte. Sie hatten eine Halse fahren müssen. Auch keine Kleinigkeit bei diesem Wetter. Er ging in seine Kabine und stellte sich an das große Bullauge. Im Dunst meinte er die Butjadinger Küstenlinie zu erkennen. Dann sah er wieder den kleinen Segler neben der Bordwand. Zwei Personen hockten dort in der Plicht. Es schien sich um einen Mann und eine Frau zu handeln. Hannes blickte sich in seiner warmen großen Kabine um. Ja, wer sich um diese Jahreszeit mit so einem kleinen Boot in der Wesermündung herumtrieb, der erlebte die Seefahrt noch. Dort unten spürte man den Wind und die See ganz unmittelbar. Die schwierigen Sände der Außenweser mit ihren gefährlichen Strömungsverhältnissen, die erforderten die ganze Seemannschaft. Er überlegte, wie viele seiner Leute hier auf dem Schiff wohl dort unten mit dem kleinen Segelboot zurechtkommen würden. Sein Erster? Ja, der könnte es wohl. Der war selbst Segler und kam von der Elbe. Die anderen…? Nur wenigen, denen er im Laufe seines Seemannslebens begegnet war, traute er das zu. Die anderen hatte sein Vater immer als „Puschen-Seeleute“ bezeichnet. Er hatte nur nicht mehr mitbekommen, dass die jungen Offiziere eher Turnschuhe bevorzugten. Hannes blickte sich noch einmal in seiner Kabine um, zuckte dann mit den Schultern. Zwei Reisetaschen standen gepackt mitten in der Kabine, in ihnen war alles enthalten, was er an Bord benötigt hatte. Man würde sie ihm an den Fuß der Gangway bringen und damit wäre sein Seefahrerleben beendet. Er schüttelte den Kopf, es war Zeit für das Anlegemanöver. Er sollte zurück zur Brücke gehen.

 

 

Hannes blickte durch die großen Fenster der Brücke nach draußen. Die Festmacher eilten auf der Kajenanlage hin und her. Jetzt kam doch etwas Wehmut auf. Vermutlich war es sein letztes Manöver auf einem großen Seeschiff gewesen. Die Scheinwerfer hatten das diesige Grau in eine strahlende Helle verwandelt und die Containerbrücken waren über ihre Beute hergefallen, kaum, dass die letzte Trosse festgemacht war.

 

Einen kleinen Moment war Hannes unsicher, was er seinen Bordkameraden sagen sollte. Sie wussten nur, dass er zur Beerdigung seines Vaters wollte. Vielleicht ahnten einige, dass es ein Abschied für immer war, trotzdem verabschiedete er sich so, als ginge er in einen ganz normalen Jahresurlaub.

 

 

Sein Erster schien aber die besondere Situation zu spüren. Einen kleinen Moment legte er Hannes die Hand auf die Schulter, drückte fest und sagte: „Kopf hoch Hannes!“ Der Gang durchs Schiff, die Fahrt durch den Containerhafen, all das erlebte er wie in Trance. Hilke wartete dann tatsächlich am Eingang zum Hafengelände mit dem Auto. Er freute sich. Insgeheim hatte er befürchtet, ein Taxi nehmen müssen. Trotzdem wusste er nicht so recht, wie er sie begrüßen sollte, drückte sie dann aber kurz an sich und sah ein freudiges Lächeln über ihr Gesicht huschen? Einen Moment lang war er versucht, sie zu küssen, ließ es dann aber doch bleiben. War es wegen der Leute oder hatte er Angst vor ihrer Reaktion? Ohne weitere Worte stiegen sie ins Auto.

 

 

Am Fähranleger lag wie zur Begrüßung, die alte BREMERHAVEN. Er dachte an den Schankraum im oberen Deck. Als die Fähre neu war, galt diese Gaststätte als eine Sehenswürdigkeit. Der Tresen stand mitten im Raum, sodass man von allen Seiten an ihn herantreten konnte und bestand aus Mahagoni und Messing. Mahagoni, Messing … so etwas kannte man nach dem Krieg kaum noch.

 

 

Wieder stürmten die Erinnerungen auf ihn ein. Er sah sich mit seinem Vater nach Bremerhaven fahren. Sein Vater ging zwar selten in eine Gaststätte, wenn aber doch, dann gab es auch für Hannes stets ein Malzbier. Dunkelbier, wie es sein Vater nannte. Am schönsten war es immer, wenn die Theke von heimkehrende Seeleute bevölkert war. Sein Vater kannte sie alle, und dann hörte er sie wieder, die Geschichten vom Meer und den fremden Ländern. Manchmal wurden aus solch einer Überfahrt bei Korn und bei Bier dann deren mehrere.

 

 

Ihm fiel ein, dass er im Anschluss an seine Jugendzeit nie wieder dort oben gewesen war. Aus einer plötzlichen Laune heraus schlug er Hilke vor: „Lass uns nach oben gehen, ein Bier trinken und alles in Ruhe bereden, bevor wir nach Hause fahren.“ Hilke sah ihn lange an, als wollte sie sagen, ich weiß, was du fühlst, aber die Zeit lässt sich nun einmal nicht zurückdrehen. Aber sie sagte: „Die Gaststätte, die gibt es schon lange nicht mehr. Sie hat sich nicht mehr gelohnt, weil jetzt fast alle mit dem Auto fahren.“

 

War sie verstimmt? So wie sie es sagte, weckte sie in Hannes das Gefühl, als bedauere sie diese Tatsache nicht sonderlich. Schweigend fuhren sie nach Hause. Er betrachtete die Häuser, die Straßen. Es waren nur wenige neue Häuser darunter, zumindest bei den Gebäuden schien die Zeit stehen geblieben zu sein und trotzdem hatte er das Gefühl in der Fremde zu sein.

 

 

Als schließlich das alte Haus im Scheinwerferlicht auftauchte, das Haus, das mit seiner Familie so eng verbunden war, spürte er, wie seine Hände den Beifahrersitz fest umfassten. Trotzig löste er den Griff, verschränkte die Arme und warf einen verstohlenen Blick auf Hilke.

 

 

Nein, diesmal sollte es anders verlaufen, das war er Hilke und sich selbst schuldig und trotzdem konnte er den Blick nicht von der alten Backsteinmauer wenden, wie magisch wurde er von ihr angezogen. Einen flüchtigen Moment meinte er den alten Riss im Scheinwerferkegel erkannt zu haben. Der Riss, der sie immer wieder daran erinnerte, woher die meisten dieser Steine stammten.

 

 

Ohne Worte trug er seine Reisetaschen ins Haus. Hilke hatte ein wenig zu Essen vorbereitet und während sie aßen, schien sich jeder in seine eigenen Gedanken zu vertiefen. Das Gespräch verlief daher sehr einsilbig und drehte sich im Wesentlichen um die Beerdigung. Schließlich fragte Hilke, ob er müde sei und sich ein wenig hinlegen möchte. Hannes schüttelte den Kopf. „Aber ich würde mich gern einen Moment in Vaters Zimmer setzen.“ Er zögerte. „Kommst du mit?“ Sie nickte nur und ging wortlos voraus. Es war sein ehemaliges Jugendzimmer. Lediglich das Bett war neu, alles andere kannte er nur zu gut. Den Eichenschrank, der vorher im Wohnzimmer gestanden hatte. Den Sessel, den Wohnzimmertisch … all die alten wohlbekannten Möbel. Doch als er noch ein Ofen und die alte Torfkiste entdeckte stutzte er.

 

 

Hilke folgte seinem Blick und sagte: „Er hat das so gewollt.“

 

 

Hannes erinnerte sich, dass sein Vater bei seinem letzten Besuch auf die Heizung gewiesen und gesagt hatte, wenn EWE es darauf anlegte, müsste er im Kalten sitzen. Von dem Energieversorgungsunternehmen sprach er wie von einer Person: Ewe. Genauso nannte er den Nachfolger von Kaufmann Ahrens nur Edeka. Auch Edeka hätten sie zu gehorchen, wenn sie nicht mehr für sich selbst sorgen könnten. Hilke hatte dazu nur gelächelt. Meistens war sie auf seine Wünsche eingegangen. Hannes setzte sich in den alten vertrauten Sessel. Hier hatte sein Vater also immer gesessen. Hannes‘ Blick schweifte in die Runde und blieb wie magisch angezogen an dem alten Porzellanhund haften, von dem sein Vater immer behauptet hatte, er befände sich schon unendlich lange in der Familie. Sofort spürte er wieder diese Beklemmung und gleichzeitig das Verlangen nach dem alten Brief zu schauen. Als Kind hatte er immer mit dem Hund spielen wollen, durfte ihn aber nur unter väterlicher Aufsicht in die Hand nehmen. Vielleicht war es ja das Gefühl gewesen, etwas Verbotenes zu tun, weshalb er ihm damals aus der Hand fiel und genau so empfand er auch jetzt.

 

Aus einem Impuls heraus wandte er sich Hilke zu und nahm sie in den Arm. Etwas überrascht schaute sie zu ihm empor. Wollte er damit ausdrücken, dass so etwas wie damals nicht mehr passieren würde? Er strich ihr über das Haar und drückte sie sacht an sich. Ihm schien, als wenn ihr Tränen in die Augen stiegen. „Wir haben viel versäumt, aber einiges lässt sich vielleicht immer noch nachholen“, sagte er und küsste sie sanft. Sie blickte zu ihm auf und fragte, fast ein wenig unsicher: „Hast du dir überlegt, was nun werden soll?“

 

Einen winzigen Moment lang wollte er die Entscheidung noch hinauszögern. Eine Entscheidung, die er in Wirklichkeit doch schon auf der Brücke der BREMER SCHLÜSSEL getroffen hatte, als sie in die Wesermündung einfuhren.

 

„Ich geh nicht mehr auf Fahrt! Ich bleibe an Land.“

 

Sah er ein Lächeln über ihr Gesicht huschen? Kann das sein, dachte er, freut sie sich wirklich, wenn ich bei ihr an Land bleibe? Fast schmerzhaft fühlte Hannes die Endgültigkeit des Versäumten, als Hilke an ihn heranrückte. Er nahm sie in beide Arme und drückte sie an sich. Sie schaute ihn an und er meinte Hoffnung, aber auch Angst in ihrem Blick zu erkennen. „Und du wirst nicht …“, sie brach ab. „Nein!“, fiel er ihr energisch ist Wort. „Die Vergangenheit wird nie wieder diese Macht bekommen.“ Er schluckte. „Ich werde sie nie ganz verdrängen können, aber ich werde nie wieder zulassen, dass wir uns noch einmal darin verlieren.“ Er drückte sie behutsam aus dem Zimmer, warf kurz einen Blick auf die alten Möbel seines Vaters, dann öffnete er die Tür zum Schlafzimmer.

 

Er lag auf dem Rücken, schaute in die Dunkelheit und lauschte auf die leisen Schlafgeräusche seiner Frau. Er dagegen kam nicht zur Ruhe, die Alpträume beunruhigten ihn. Und wenn sie doch wiederkommen?  Seine Gedanken wechselten zu seinem Vater und er wunderte sich wie stark ihn dessen Tod getroffen hatte, obwohl man in solch einem Alter jederzeit damit rechnen musste. Schließlich erhob er sich aus dem Bett, ging vorsichtig aus dem Schlafzimmer und setzte sich wieder in den alten Lehnstuhl. Seine Augen schweiften durch das Zimmer, wobei sie krampfhaft den Porzellanhund zu meiden versuchten.

 

Sturmfahrt

 

Elbe-Weser-Wattfahrwasser!

 

Schwer schob sich die Tjalk über den nächsten Wellenberg. Sekundenlang hing das Vorschiff in der Luft, um dann hart ins Wasser einzusetzen. Gischt stob über das Deck und das ganze Schiff ächzte in seinen Verbänden. Man hatte den Eindruck, es schüttele sich unter der Last der Wassermassen, ehe es schwerfällig auf den nächsten Wellenberg stieg.

 

 

Erich sah in die Runde. Etwas bange blieb sein Blick am Segel haften. Es hätte eigentlich schon im Winter erneuert werden müssen, doch das Geld dafür war einfach noch nicht vorhanden. Nach dieser Fahrt aber, so rechnete er sich vor, müsste es reichen.

 

 

„Geht nicht über die Nordsee! Geht übers Watt, sonst lauft ihr vielleicht den Engländern in die Arme.“ Das hatte Johann Janßen ihnen geraten. „Im Moment wollen die alles kontrollieren. Seit die Gerüchte umlaufen, dass Napoleon von Ägypten zurück nach Frankreich will.“

 

 

Als Erich ihn daraufhin entgeistert angesehen hatte, fügte er achselzuckend hinzu: „Ich kann Ihnen auch nicht sagen, weshalb die Engländer hier kontrollieren. Vielleicht ist das ja auch nur wieder ein Vorwand, um die Schifffahrt der Neutralen zu verunsichern.“

 

 

Aus diesem Grund hatten sie die Weser verlassen und waren nun über das Wurster Watt auf dem Weg zur Elbe. Seitdem verschlechterte sich das Wetter zunehmend. Die Luft war kalt, vom Wasser und Watt her spürte man noch den vergangenen Winter. Die Feuchtigkeit kroch in die Glieder. Trotz des Ölzeugs hatten sie das Gefühl, die Kleidung sei tropfnass. Erich konnte die Pinne kaum noch halten, so kalt waren seine Hände. Immer wieder schob er deshalb die freie Hand unters Ölzeug.

 

 

Die Ebbe lief schon lange; bald würde das Watt sichtbar werden. Immer weiter drehte der Wind auf Nordwest. Wieder blickte Erich prüfend in die Segel. Höher an den Wind konnten sie nicht gehen. Er fragte Nannen: „Wat meenst du, schafft wie dat Hoch noch?“

 

 

Die Antwort kannte er. Das Schiff war zu schwer beladen, zu langsam geworden, und der Wind drehte unentwegt weiter.

 

Nannen schob den Südwester höher und knurrte nur. „Dat weest du doch sülvst!“

 

 

Erich sagte nichts. Er hatte mit dieser Antwort gerechnet. Wenn hingegen Dirk Heiken, der vor ihnen aus Lehe ausgelaufen war, das Wattenhoch noch schaffen sollte, dann hätte der weitere acht Stunden dazugewonnen, die sich bis Hamburg nicht mehr aufholen ließen.

 

 

Und denn, dachte Erich, sitt Dirk in Krog und lett sick fiern, watt he förn düchtigen Kerl is und wie he Erich Meiners versegelt hät.

 

Nannen schien Erichs Gedanken zu ahnen. Lot man, Dirk wet bloß nich, wat he doon schall.

 

 

Ja, auch für Dirk würde es knapp werden, noch übers Hoch zu kommen. Sollte auch er auf die nächste Tide warten müssen, bliebe ihm nichts anderes übrig, als ebenfalls im „doden Loch“ zu ankern. Das Problem dabei war nur, das „dode Loch“ zu finden. Bei diesem Wetter war das alles andere als einfach, und verfehlte man es, käme man unweigerlich dort fest, wo der Seegang durch das Gatt fast ungebremst auf die Sände traf.

 

 

Nannen haderte. Hätten sie doch nur den Weg über die Nordsee genommen, dann wären sie schon im tiefen Wasser. Dort hätten sie nicht diese steile See wie hier auf dem Watt.

 

 

Wieder schob sich eine besonders hohe Welle heran; Erich musste die Tjalk noch mehr anluven, um die Welle nehmen zu können. Er stemmte sich gegen die Bodenbretter, die Knöchel seiner Hände traten weiß hervor. Der Ruderdruck war ungeheuer hoch, stärker durfte er nicht mehr werden. Wie ein Luchs beobachtete Nannen die Segel. Sollte eines reißen, wären sie verloren. Wieder setzte der Bug mit einem Krachen ins Wasser ein, dass der Mast erzitterte.

 

 

Nannen schoss es durch und durch. Hatten sie Grundberührung gehabt? Erichs erster Blick ging zum Segel. Er vertraute seinem Schiff. Zwar war es etwas älter, doch stabil und kerngesund. Das Segel machte ihm viel mehr Sorgen. Bald müsste es doch ruhiger werden! Wenn er erst in der Abdeckung der Sände wäre, würden sich die Seen weiter draußen brechen und er könnte im „doden Loch“ den Sturm abwarten. Selbst bei Ebbe standen dort noch fünf Fuß Wasser. Hier hingegen würden sie bald festsitzen. Das Loch mussten sie finden, unbedingt. Loten ging nicht. Erich und Nannen hatten alle Hände voll zu tun, Segel und Ruder forderten ihren Mann. Nannen murrte in sich hinein, weil Erich seinen Sohn unter Deck geschickt hatte. Zwei Mann waren jetzt eindeutig zu wenig. Wenn etwas schief ginge, wäre keine Hand mehr frei. Schließlich rief er Erich zu: „Hol Hinrich no boben! Seemann wat een nicht unner Deck.“

 

 

Erich hatte ihn mit der Begründung nach unten geschickt, einer müsse sich ausruhen, um die anderen ablösen zu können. Insgeheim musste er allerdings zugeben, dass er ihn schützen wollte. Soweit das in solchen Situationen überhaupt möglich war. Nannen wiederum war klar, dass Hinrich die Absicht seines Vaters erkannt hatte und voller Zorn nach unten gegangen war.

 

 

Erich knurrte in sich hinein. Er musste Nannen recht geben, denn jetzt wurde wirklich jede Hand an Deck gebraucht. Einen Moment frage er sich, ob Hinrich vielleicht von selbst hochkommen würde, nur um diese Möglichkeit sofort wieder auszuschließen. Hinrichs Stolz ließe das sicher nicht zu.

 

Nannen versuchte sich selbst zu beruhigen. Wenn einer das Loch fand, dann Erich. Der hatte das richtige Gespür. Hatte, was andere nie lernen würden: Die Wasserfärbung, der Wellenverlauf, die Strömungsverhältnisse bei einem bestimmten Tidenstand … diese und andere Einflussgrößen waren für ihn unverwechselbar und zeigten ihm, wo er sich jeweils befand. Nannen fuhr schon eine halbe Ewigkeit mit Erich. Sein Leben hing von dessen Fähigkeiten ab, aber er kannte niemanden, dem er es eher anvertraut hätte. Als Erich das Schiff übernahm, hatte er nicht viel mehr als seine Hoffnungen und seine Fähigkeiten als Seemann. Das allerdings hatte dem alten Eylert ausgereicht. Er überließ Erich das Schiff auf Leibrente.

 

Die Wellen wurden noch steiler. Kreuzseen tauchten auf. Das ließ darauf schließen, dass sie sich dem Hoch näherten. Jetzt hatte Nannen Angst.

 

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