Die Schatten dort! Sie schienen über dem Watt zu schweben. Näher und näher kamen sie. Hannes versuchte schneller zu gehen, und doch wurde er immer langsamer. Mit jedem Schritt versank er tiefer in dem grundlosen Schlick. Jedes Mal gab es ein schmatzendes Geräusch, wenn er Bein für Bein mühsam aus dem saugenden Untergrund befreite. Der Bügel des Eimers schnitt immer tiefer in seine Handflächen. Kopflos geworden, blickte sich Hannes um. Die Schatten kamen näher. In ihren langen dunklen Gewändern glitten sie mühelos über den Wattboden. Gesichter konnte er keine erkennen. Wenn sie welche hatten, dann verbargen sich diese im Schatten ihrer Kapuzen. Was waren das für Wesen? Mehr und mehr geriet Hannes in Panik, bis er letztlich den Eimer mit dem Krug fortwarf. Jetzt musste er bereits jedes Bein mühevoll mit seinen Händen aus dem Schlick ziehen. Einige Schritte quälte er sich auf diese Weise weiter, bis er sich dann voller Verzweiflung mit dem ganzen Körper nach vorn warf und sich wie beim Schwimmen fortbewegen wollte. Vollkommen ausgepumpt blieb er nach wenigen Bewegungen, dicht an den Wattboden geschmiegt, liegen.
Sich in sein Schicksal ergebend, wandte er das Gesicht seinen Verfolgern entgegen. Sie mussten unmittelbar hinter ihm sein. Doch die Schattenwesen hatten ihn nicht weiter verfolgt, sie umstanden den fortgeworfenen Eimer. Schienen Hannes gar nicht mehr zu beachten. Er hingegen starrte wie gebannt auf diese Gestalten und dachte dabei: Was wollen solche Spukgestalten wohl mit dem Gold?
Im selben Moment spürte er, wie Wasser seinen Kopf umspülte. Die Flut! Die Schattenwesen standen weiter um den Eimer herum. Obwohl ihre Gesichter immer noch im Schatten der Kapuzen lagen, hatte Hannes den Eindruck, als würden sie ihm höhnische Blicke zuwerfen. Höher und höher stieg das Wasser. Hannes drehte den Kopf ein wenig, sodass seine Nase für einen kleinen Moment wieder aus dem Wasser ragte. Er versuchte zu schreien. Jetzt wollte er sogar, die Schattenwesen auf seine Lage aufmerksam wurden. Sollten sie ihn doch holen! Ihn mitnehmen in ihr Reich! In einem letzten Aufbäumen schlug er um sich und erwachte.
Einen Moment lang blieb er still liegen. Vollkommen regungslos blickte er in die Dunkelheit. Wie spät war es? Hatte Hilke etwas bemerkt? Jeden Moment erwartete er aus der Dunkelheit heraus ihre Frage nach dem Grund für die nächtliche Störung. Doch nichts geschah. Schließlich drehte er sich vorsichtig zu Hilkes‘ Bettseite hin und fühlte behutsam hinüber. Leer!
Unsicher erhob sich Hannes und öffnete die Rollläden. Für einen Moment musste er die Augen schließen, weil helles Tageslicht das Schlafzimmer durchflutete und ihn blendete. Er blickte auf Hilkes Wecker. Später Vormittag! Also war Hilke schon im Büro! Erleichtert, aber immer noch zerschlagen, tappte er in die Küche.
Nein, das war kein Rückfall in die Zeit seiner Albträume! Er versuchte sich zu beruhigen. Die gestrige Nacht war einfach nur zu viel gewesen. Erst das verzweifelte Wühlen im Schlick, dann der Wettlauf gegen die Flut und schließlich die unangenehme Begegnung mit diesem jungen Aufseher. Er war eben keine zwanzig mehr.
Trotzdem fühlte er sich irgendwie glücklich, als er an den Moment dachte, an dem er den Krug aus dem Watt hob. Und er spürte sogar diese seltsame Atmosphäre wieder, die in dem nächtlichen Watt herrschte, als er den Krug aus dem Sodenbrunnen hob. Den Krug, den Talke vor Jahrhunderten dort vergraben hatte. Das war dann auch der Moment gewesen, als er das Gefühl hatte, dort draußen nicht allein zu sein. Als das Goldstück im Mondlicht glitzerte, war es so, als blickten noch andere Augen darauf.
Obwohl er sich noch immer vollkommen zerschlagen fühlte, drängte es ihn zu diesem Krug. Mit Essig hoffte er weitere Münzen herauslösen zu können. Seiner Ansicht nach bestand die feste Masse im Krug aus Sand und Kalk, und diesem Gemisch müsste man seiner Meinung nach mit Essig beikommen können. Ungeduldig durchforstete er sämtliche Schränke. Doch außer Hilkes Balsamicoessig fand er nichts Brauchbares und davor scheute er dann doch zurück.